Ein Ohrwurm zur Rubinhochzeit - Parlamentarischer Abend der Gemeinde Hasselroth: Schelzke warnt vor Verlust der Identität


 
Es ist eine von vielen Anekdoten aus der Geburtsstunde Hasselroths. Der damalige Niedermittlauer Standesbeamte soll sich nach den politischen Beschlüssen gegen die Herausgabe seiner alten Amtssiegel gesträubt haben. In einem humorvollen Vortrag blickte Bürgermeister Uwe Scharf gestern beim Parlamentarischen Abend in der Friedrich-Hofacker-Halle vor rund 150 geladenen Gästen auf die Geschehnisse vor 40 Jahren zurück. Festredner Karl-Christian Schelzke, Geschäftsführer des Hessischen Städte- und Gemeindebunds, warnte vor den sozialen Folgen der Unterfinanzierung der Kommunen. Es drohe ein Verlust der Identität mit dem Heimatort, wenn Lokalpolitiker nur noch über Steuererhöhungen zu entscheiden hätten.

Wie sehr sich die Hasselrother mittlerweile mit ihrer Gemeinde identifizieren, zeigte sich, als der Chor der Sängervereinigung Neuenhaßlau, verstärkt durch Stimmen von „Forum Musicale“, die Hymne „Mein Hasselroth“ vortrug – und einige Gäste einstimmten. Schelzke lobte das Lied als einen Ohrwurm. Erste Exemplare der 500 CDs mit der professionellen Aufnahme aus der Christuskirche sind bereits unter den Besuchern verteilt worden.

Parlamentschef Helmut Müller begrüßte zahlreiche Ehrengäste in der Hasselrother „Gut Stubb“, darunter Landrat a. D. Hans Rüger, die Landtagsabgeordneten Hugo Klein und Christoph Degen, Rathauschefs der Nachbarkommunen, ehemalige Mandatsträger und Vertreter aus Politik, Kirchen, Wirtschaft, Feuerwehr und Vereinen.

Für die musikalische Begleitung des Abends sorgte das Big-Band-Ensemble der Blaskapelle der Turngemeinde Neuenhaßlau unter Leitung von Dirigent Frank Lill mit schwungvollen Stücken wie dem 5. Satz der Feuerwehrmusik „La Rejouissance“ von Georg Friedrich Händel. Für den überraschenden Augenschmaus des Abends sorgte die Niedermittlauer Show-Tänzerin Ariana Adler. Die Zwölfjährige, amtierende Deutsche Meisterin und Europameisterin, tanzte zu den Klängen von „Everybody Hurts“. Demnächst wird sie an der Pro-Sieben-Sat1-Casting-Show „Got to Dance“ teilnehmen.

„Wenn wir uns die Ereignisse vor vier Jahrzehnten betrachten, dann werden wir wohl weniger von einem Geburtstag als vielmehr von einer Zwangsheirat sprechen können“, meinte Bürgermeister Uwe Scharf zu Beginn seiner launigen Ansprache. Die damalige sozial-liberale Landesregierung in Hessen hatte sich auf die Fahnen geschrieben, die 2.642 Gemeinden, 39 Landkreise und neun kreisfreien Städte auf 500 und die der Kreise auf 20 zu reduzieren. Den Gemeinden wurden 1969 Anreize für einen freiwilligen Zusammenschluss geschaffen durch Vergünstigungen im Kommunalen Finanzausgleich.

„Heute gäbe es gewiss keine finanziellen Anreize, vielmehr sind diese Dinge heute neu zu ordnen“, mahnte Scharf an.
Neuenhaßlau und Gondsroth, so führte der Bürgermeister aus, haben sich vor einer Zwangszusammenlegung, die 1974 ja Niedermittlau mit ins Boot brachte, geeinigt. Die beiden Heiratspartner, die Bürgermeister Bodo Käppel aus Neuenhaßlau und Jean Müller aus Gondsroth, seien sich aber nicht immer turtelnd begegnet. „So mancher Nackenbiss soll hier zu gegenseitiger Annahme und zum Eheschluss geführt haben“, erzählte Scharf. Seit 10. September 1971 führten diese beiden Orte den gemeinsamen Namen Hasselroth. „Zu diesem Zeitpunkt liebäugelten noch die Niedermittlauer Nachbarn mit den von ihnen ausgemachten Reizen der Comtesse du Meerholz“, ergänzte Scharf. „Aus Schröthern, Meddelern und Hässelern sind Glieder einer Gemeinde geworden“, bilanzierte Scharf zur Rubinhochzeit, dem 40. Hochzeitstag. Viele Höhen und Tiefen seien gemeinsam bestanden worden. Blindes Vertrauen und ein Verständnis ohne Worte – wie dies in Ehen nach 40 Jahren der Fall sei, bezweifelte er aber. „Manches dauert eben ein bisschen länger.“

Gastredner Karl-Christian Schelzke erinnerte an die Tage der Gebietsreform in Hessen, als die Landesregierung am Reißbrett agierte und Menschen Angst hatten, ihre Identität zu verlieren und schlechter als die Nachbarn gestellt zu werden. „Diese Befürchtungen sind nicht eingetroffen“, betonte Schelzke. Nur wenn sich Bürger mit ihrer Kommune, die eine Sonderstellung hat, identifizierten, seien sie – damals wie heute – bereit, Verantwortung in Vereinen oder der Lokalpolitik zu übernehmen. Dies sei angesichts der Auswirkungen aus der Kürzung des Kommunalen Finanzausgleichs in Gefahr, wenn Städte und Gemeinden ihre Daseinsfürsorge nicht mehr ausreichend erfüllen können. „Niemand hat mehr Lust, in der Kommunalpolitik mitzuarbeiten, wenn er auf der Straße für Gebührenerhöhungen beschimpft wird“, sagte Schelzke.
Die Akteure könnten langfristig verloren gehen.

Kreisbeigeordneter Matthias Zach überbrachte die Glückwünsche der Kreisspitze und Gremien. „Das Kirchturmdenken hat abgenommen“, lobte Zach die „Geburt“ Hasselroths als mutigen und sinnvollen Schritt. Das Prinzip gelte auch heute: „Gemeinsam sind wir stärker.“

Artikel und Fotos von Michael Lobusch veröffentlicht am 2.7.2014 in der Gelnhäuser Neuen Zeitung