Kreisbeigeordneter Matthias Zach
 Kreisbeigeordneter Matthias Zach
Rede zu 40 Jahre Hasselroth, 1. Juli 2014

• Begrüßung

• Als Kreisbeigeordneter erlebe ich gerade viele große und ganz große Jubiläen. Erst vor wenigen Tagen war ich in Schöneck-Kilianstädten, wo die Menschen 1175 Jahre Kilianstädten feiern. Genauso in Marköbel und Heldenbergen. Heute in einer Woche eröffnen wir in Gelnhausen auf der Müllerwiese unsere Festwoche „40 Jahre Main-Kinzig-Kreis“. Und heute Abend darf ich hier am parlamentarischen Abend zu 40 Jahre Hasselroth teilnehmen.

• Man könnte ein bisschen hämisch von außen anmerken: Der Herr Zach ist nur noch am Feiern – was ja gemessen an diesen Terminen erst mal nicht abwegig erscheint…

• Ich freue mich jedenfalls sehr, dass ich Ihnen hier heute Abend in Vertretung von Landrat Erich Pipa die besten Glückwünsche des Kreisausschusses und der Kreisverwaltung übermitteln darf.

• Neugründungen im Zuge der Gebietsreform werden heute wie damals oft als „Geburt“ bezeichnet. Ich finde, das trifft es – aber nur aus heutiger Sicht. Rückblickend war die „Geburt“ des Main-Kinzig-Kreises wie auch die „Geburt“ Hasselroths ein großes, mutiges und sinnvolles Projekt. Aber damals, in den 70er Jahren, gab es auch große Bedenken. Da war die „Geburt“ nicht bei allen Menschen dieses freudige Ereignis, das eine echte Geburt sein sollte.

• Ich bleibe mal bei der Kreis-Gründung. Damals gab es große Bedenken bei den Menschen. Bewährte Verwaltungsstrukturen würden verloren gehen, ein Stück Heimat würde verloren gehen. Das war auch die Sorge in einigen Kommunen, die sich zu größeren Körperschaften zusammengeschlossen haben – oder eben zusammenschließen mussten. Und so gab es eben auch größere Ängste und Vorbehalte bei vielen Menschen in den Altkreisen, als der Main-Kinzig-Kreis gegründet würde.

• Heute muten diese ganzen Bedenken irgendwie fremd an. Einige von Ihnen kennen gar keine andere Gebietsstruktur als den Main-Kinzig-Kreis. Und die Älteren, die noch die Altkreise kennen, wünschen sich kaum zurück in diese Zeit der Kleinteiligkeit. Das Kirchturmdenken hat seitdem abgenommen, heute spricht alle Welt von interkommunaler Zusammenarbeit. Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt: Gemeinsam sind wir stärker! In größeren Verbünden arbeiten wir effektiver. Am Ende haben also die recht behalten, die sich für die Zusammenschlüsse ausgesprochen haben.

• Trotzdem ging es damals um eine Frage, die Menschen nun mal umtreibt, wenn große Veränderungen anstehen: Wo ist meine Heimat? Und was bleibt von dem, was mir lieb und teuer ist, nach all den Veränderungen?

• Über den Begriff der Heimat haben sich schon große Dichter und Denker den Kopf zerbrochen. Darauf will ich gar nicht tiefer eingehen.

• Aber dass die Frage nach der Heimat auch noch im 21. Jahrhundert aktuell ist und Menschen umtreibt, beschreibt ein Lied aus dem Jahr 2008. Es ist das Lied: „Mein Hasselroth“ von Bürgermeister Uwe Scharf und Wolfgang Runkel, das die beiden vor sechs, sieben Jahren geschrieben und vertont haben. Und da wird das Stückchen Heimat so beschrieben: „Wo Hasselbach, Birkigsbach und Wellbach fließen“. „Nicht weit vom hektischen Leben“. Besungen wird „die Fülle, die man hier … erleben kann“. „Hier will ich bleiben, will leben und wohnen, will mittun für unser, für dein Geschick“. So endet die letzte Strophe. Herr Scharf hat sich Gedanken gemacht, wo und was diese Heimat ist, in der sich hier über 7000 Menschen so wohl fühlen.

• Ich finde, in diesem Lied wird deutlich: Heimat ist ein Ort – und Heimat ist ein Gefühl.

• Im Lied ist es der Ort, der für die Menschen vertraut ist, der viel für sie zu bieten hat, der sich in der Nähe zur Natur und zum Arbeitsplatz befindet.

• Heimat ist aber auch mit Emotionen verbunden. In dem Fall mit Sicherheit, Entschleunigung und einer Unvermitteltheit. Hier passiert etwas, hier können die Menschen mitgestalten und sich und ihren Ort entwickeln. „Mittun“, wie es im Lied heißt.

• Herr Scharf und Herr Runkel haben in dem Lied eine Antwort gesucht auf die Frage, wie Heimat aussieht. Und wo Heimat stattfindet.

• Die Frage ist nicht neu und doch immer noch aktuell. Ich stelle mir zum Beispiel die Frage: Was bleibt übrig von Heimat, wenn sich drum herum viel verändert? Wo fängt die Heimat an und wo hört sie auf in einer Zeit, in der die Gemeinden eng zusammenarbeiten müssen – mit Kooperationen in alle Richtungen? In einer Zeit, in der ein Bürgermeister, ein Gemeindevorstand und eine Gemeindevertretung Vorgaben aus Brüssel umsetzen müssen.

• Viele Grenzen verschwimmen, alte Bezugspunkte gehen verloren. Das verunsichert manche Menschen. Und gerade in Krisenzeiten, wie wir sie in den letzten sechs, sieben Jahren europaweit erlebt haben, bricht sich diese Verunsicherung Bahn. Sie alle kennen die Ergebnisse der letzten Europawahl. Zwei von zehn Europäern haben sich gegen eine Europäisierung ausgesprochen, gegen eine europäische Gemeinschaft, gegen eine Union, und für einen Sprung zurück in der Geschichte, so als ob damit die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft einfach weg wären – eine Resettaste für Europa, zurück in eine scheinbar heile Welt in der Vergangenheit. Das ist eine naive und nicht zu Ende gedachte Strategie.

• Einige Kommentatoren haben die Ergebnisse heruntergespielt. Ich unterliege nicht der Versuchung, die Ergebnisse zu verharmlosen. Ich glaube, der Aufschwung vieler nationalistischer und rechtsradikaler Parteien hat mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit zu tun. Sie spielen mit diesem Gefühl. Zugebenermaßen: Die eine Heimat, der Ort, in dem die Menschen leben, ist geblieben. Aber das Gefühl, das manche Menschen mit dieser Heimat verbunden haben, nämlich Sicherheit, Übersichtlichkeit, Stabilität, Perspektive, dieses Gefühl hat gelitten.

• Es ist die Aufgabe von Politik, Menschen nicht das Falsche zu versprechen: nämlich dass sich ein Rad der Geschichte zurückdrehen ließe. Wir werden keine Grenzen mehr hochziehen und keine Verantwortlichkeiten re-nationalisieren können, ohne auf das zu verzichten, was unseren Wohlstand, den Frieden und unsere über Jahre und Jahrzehnte gewachsene Stabilität ausgemacht hat.

• Beides muss uns gelingen: Wir müssen von den Gemeinden bis hin nach Brüssel gemeinsam an einer guten Zukunft arbeiten, ökonomisch und ökologisch sinnvoll und vor allem auf friedlichem Wege. Wir müssen aber auch die Menschen mitnehmen, auf ihre Ängste reagieren. Wir müssen das bewahren, was ihre und unsere Heimat ist. Auch dafür setzen wir uns ein, und mit WIR meine ich jetzt buchstäblich uns Kommunalpolitiker, deren Kernaufgabe die Weiterentwicklung unserer Gemeinden ist.

• Größere Umbrüche oder Veränderungen sorgen am Anfang immer für Verunsicherung. Die „Geburt“ neuer Kommunen und des Main-Kinzig-Kreises vor gut 40 Jahren war aus heutiger Sicht ein freudiges Ereignis. Damals war es mitunter eine „schwere Geburt“, mit einigen Problemchen und vereinzelten Komplikationen. Aber ich sehe es aus Sicht des Main-Kinzig-Kreises heute so: Vor 40 Jahren hat die Zukunft begonnen. Und wir arbeiten heute daran, dass diese Zukunft das bleibt, was sich damals viele Menschen davon versprochen haben und was diese Zukunft bis heute eingehalten hat: Sie hat viel Erleichterung, viel Sicherheit, viel Stabilität, viel Perspektive bereitgehalten. Vor 40 Jahren wurden mutige Schritte in diese Richtung unternommen. Und auch in einem größeren Europa, in dem unsere Nachbarn nicht mehr nur Langenselbold, Freigericht oder Gelnhausen heißen, sondern Frankreich und Polen und gar nicht so weit weg auch Ukraine, arbeiten wir weiter an dieser Zukunft.

• Wichtiger denn je erscheint mir, dass wir dabei das Lokale und das Globale zusammendenken. „Mein Hasselroth“, wie es im Lied besungen wird, wäre nicht der gleiche Ort ohne die wirtschaftliche Entwicklung, die auf dieser Gemarkung durch Kreis, Land und Bund ermöglicht worden wären. Dieses Hasselroth wäre ein anderes, wenn es die europäische Integration nicht gegeben hätte. Wenn also nicht viele Kilometer von hier plötzlich der Mittelpunkt eines gemeinsamen, europäischen Binnenmarkts gelegen hätte beziehungsweise liegen würde.

• „Hier will ich bleiben, will leben und wohnen, will mittun für unser, für dein Geschick“. So schließt die letzte Strophe des Hasselroth-Lieds. Es ist Gegenwart und Zukunftsziel für die Heimat Hasselroth, für Politiker, Vereine, Verbände, die heimische Wirtschaft, Ehrenamtliche und viele mehr.

• In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Abend, ein angenehmes Jubiläumsjahr und alles Gute für die Zukunft!